Tempolimit, Fleischkonsum und falsch verstandene Freiheit

In den letzten Jahren bis Monaten wurden ein paar Themen zu echten Reizwörtern – und dazu gehört auch das aktuell heiß diskutierte Tempolimit auf deutschen Autobahnen sowie – schon viel länger – unser täglich Fleischkonsum. Ich habe mir jetzt lang genug so manche Meinungsäußerung angehört und mich selbst bislang bestenfalls im einen oder anderen Tweet dazu geäußert. Es wird Zeit, diese aktuellen Streitthemen auch mal im Kontext der Unternehmens- und Wirtschaftsdemokratie zu beleuchten.

Erstens: Um etwaige Vorurteile gegenüber meiner Person gleich zu Beginn aufzuklären: Ja, ich habe kein Auto – mehr. Nein, ich habe sehr wohl einen Führerschein. Und habe ihn lange Jahre genutzt, immer wieder. Seit meinem 18. Lebensjahr genau genommen bis zum 49ten. In der Zeit hatte ich, und darauf bin ich stolz, lediglich zwei Autos besessen. Das erste war ein gebrauchter Minivan, der hatte schon 120.000 auf dem Buckel und fuhr und fuhr und fuhr. Nein, es war kein Volkswagen, auch kein sonstiges deutsches Produkt. Verabschiedet hatte ich mich dann eher unfreiwillig mit dem übelsten Unfall den ich je hatte (davor waren es lediglich zwei, drei Bagetellschäden). Danach war das Auto schrottreif. Well done. Dieser Unfall hat mir übrigens auch eines sehr verdeutlicht, was passieren kann, wenn man/frau auch nur eine Sekunde nicht aufmerksam ist). Später kam dann ein neuer Kombi mit bivalentem Antrieb dazu. Den fuhr ich ziemlich exakt 10 Jahre lang. Und verkaufte ihn dann als Wahlberliner, denn hier kann ich eh fast alles per Fahrrad oder Öffis erledigen. Das wars. Jetzt, ohne Auto fühle ich mich deutlich besser, leichter, wendiger. Aber das ist erst eine junge und kurze Erfahrung.

Zweitens: Nein, ich bin kein militanter Veggie-Faschist. Ich würde mich selbst eher als Flexitarier beschreiben, mit klaren Hang zur fleisch- und sogar zunehmend gänzlich tierproduktlosen Ernährung (vulgo: Veganer). Ja, auch ich finde: Hochwertiges (Bio)Fleisch, kunstvoll zubereitet, kann ein betörender lukullischer Genuss sein. Und ab und an genieße ich genau das (und ja: ich kann sogar selber äußerst schmackhafte Fleischgerichte zubereiten, zB ein fantastisches Ragout aus Beinfleisch, zerfällt auf der Zunge… ). Konsequenterweise werde ich mit Sicherheit niemanden auch nur schräg angucken, wenn er oder sie sich an einem tollen Steak oder was auch immer gütlich tut. Alles im grünen Bereich. Aber eines, das geht gar nicht und ich kann und will es nicht mehr hören: Das ebenso unfassbar dumme wie egomanische Geschwätz von der Freiheit, wenn es darum geht, mit 270 über die Autobahn zu brettern und dabei drei Burger King XXL zu verschlingen. Ach ja – und die genauso dummbatzige Behauptung, man selbst würde ja die Vegetarier oder Langsamfahrer tolerieren, also gibt es ein Recht drauf, dass selbst hemmungsloser täglicher Billigfleischkonsum oder völlig entgrenzte Raserei gefälligst ebenfalls zu tolerieren sei. Hier gibt’s eine klare Absage: Nein! Denn diese Rechnung stimmt vorn und hinten nicht. Weder beim Tempolimit noch beim Fleischkonsum.

Fakten I – Tempolimit: Wie Rasen uns allen schadet

In der aktuellen Debatte gibt es vornehmlich zwei Argumente der Befürworter des Tempolimits: Erstens wäre eine Beschränkung des allgemeinen Tempos auf deutschen Autobahnen ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Klimawandel. Zweitens würden wir vermutlich noch weniger Unfalltote aufgrund (zu) hoher Geschwindigkeiten zu beklagen haben. Werfen wir mal einen Blick auf diese Argumente:

Fahrgeschwindigkeit und Umweltschädigung

Man(n) – das ist kein Zufall: ich kenne bislang keine einzige Frau, die sich derart lächerlich übers mögliche Tempolimit echauffiert wie Männer – also: Mann muss es schon #kingdonald gleichtun, um ernsthaft zu leugnen: Mit steigender Geschwindigkeit steigt der Spritverbrauch und damit der Ausstoß von Abgasen deutlich an, und zwar mehr als linear, da der Luftwiderstand mit steigender Geschwindigkeit in der dritten Potenz zunimmt. Da gibt es nichts zu diskutieren, nichts zu interpretieren oder sonst wie in Namen postpubertärer, egomanischer Freiheit rumzulabern. Wer’s leugnen oder ignorieren will, sollte diesen Text vom Umweltbundesamt lesen: Höhere Geschwindigkeit führt zu höherer Umweltbelastung.

„Nach Angaben des Statistischen Bundesamts war der Autoverkehr in Deutschland im vergangenen Jahr für die Emission von 115 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich. Das waren 6,4 Prozent mehr als im Jahr 2010, wie das Bundesamt vor Kurzem mitteilte. Für den Anstieg waren demnach vor allem stärkere Motoren und die höhere Gesamtzahl der Autos verantwortlich, die auch eine höhere Gesamtfahrleistung absolvierten. Abgasärmere Neuwagen haben bislang also bei Weitem nicht den gewünschten Effekt gebracht.“ (Zeit Online) Da greift wohl mal wieder der Rebound-Effekt: Motoren werden effizienter und statt weiterhin Motoren mit gleicher Leistung zu kaufen, geht der Trend zu einer stärkeren Motorisierung: „Neuwagen haben immer mehr PS“ titelt passend dazu die Zeit.

Fahrgeschwindigkeit und Unfallopfer

Neulich las ich irgendwo ein wirklich schlaues Argument: „Wir in Deutschland haben doch jetzt schon viel weniger Unfalltote als die Franzosen – und das ohne Tempolimit. Ergo hat das Tempo nichts mit den Unfasstatistiken zu tun.“ Echt jetzt? Meinte der Mann (was sonst!!) das wirklich ernst? Also mal ganz langsam durchdekliniert: Nur weil wir jetzt schon, obwohl wir mehr Straßenverkehr und teils Tempofreiheit haben, weniger Verkehrstote zählen als so manches Nachbarland, folgt daraus noch längst nicht, dass wir nicht NOCH WENIGER Tote und schwere Unfälle hätten, wenn wir endlich das Tempolimit einführen (das hat wohl auch Herr Braga von der AfD noch nicht so ganz kapiert (s.u.) – oder aber das Leben seiner deutschen Mitbürger*innen interessiert ihn einen Dreck). Hier gilt ganz klar: Jeder Tote, jeder schwerst Verletzte weniger ist ein Fortschritt.

Der Gipfel an asozialem Bullshit war dann im Zuge einer Twitterdiskussion die Bemerkung: „Ich will keine Kinder dieser Punkt fällt also weg. Müssen wir uns echt über die Kindeskindeskinder unserer Kinder Gedanken machen?“ Aha. Weil  also jemand keine Kinder will ist es völlig egal, ob Eltern sich Sorgen um die Zukunft Ihrer Kinder bzw. späterer Generationen überhaupt machen. Nach mir die Sintflut ist eine durch und durch gelungene Haltung in einer Demokratie in einer Zeit enormer Umbrüche. Aber zugegeben: Es ist eine großartige Reduktion an Komplexität einfach nur noch die kleine Welt des eigenen Egos wahrzunehmen.

 

Fakten II – Fleisch: Wie zu viel uns allen schadet

Es wird weniger

… zumindest ein bisschen, aber das reicht noch lange nicht. 1991 verzehrten die Deutschen im Schnitt 63,9 Kilogramm Fleisch jährlich. 2018 waren es 60,2. Damit sank der Durchschnittsverbrauch innerhalb von 27 Jahren um satte 5,8% (Daten von Statista). Nun ja, so richtig viel ist das wohl kaum. Denn selbst die reduzierte Menge bedeutet immer noch gut ein Kilo pro Woche oder gut 140g Fleisch TÄGLICH. Mit anderen Worten: der DURCHSCHNITTLICHE Deutsche isst täglich ein kleines Steak (ich geh einfach mal ungeprüft davon aus, dass das vor allem Männer sind). Wenn wir davon alle Vegetarier/Veganer abziehen und alle zahnlosen Babies, dann müssen eine Menge Menschen noch viel mehr Fleisch verschlingen.

Verseuchung des Grundwassers

2018 verurteilte der Europäische Gerichtshof Deutschland wegen zuviel Nitrat im Grundwasser. Das kommt vorwiegend aus zwei Landwirtschaftlichen Quellen: Überdüngung und Massentierhaltung. Damit zahlen wir kollektiv die Zeche für alle jene, die mindestens ein Steak am Tag verzehren müssen. Wenn der Fleischkonsum Privatangelegenheit sein soll, mögen die täglichen Massentierhaltung-Fleischkonsumenten bitte für die Kosten aufkommen. Wie wär’s mit einem SEPA Mandat zur einfachen Abbuchung ohne weiteren Aufwand.

Zuviel Fleisch ist ungesund

Schwedische Wissenschaftler der Universität Karolinska Institutet untersuchten über satte 16 Jahre die Ernährungsgewohnheiten inklusive der Folgen des  Fleischkonsums auf die Lebenserwartung. „Am Ende des Beobachtungszeitraums stellte sich heraus, dass die Sterberate in der Gruppe mit dem höchsten Fleischkonsum (über 117 Gramm pro Tag [also immer noch deutlich weniger als der typisch deutsche Michel]) um 21 Prozent höher lag als bei der Gruppe mit dem niedrigsten Fleischkonsum (unter 46 Gramm pro Tag)“, sagte Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin (ÖAIE), gegenüber dem „ORF„. So traten Herzinfarkte und Schlaganfälle deutlich häufiger auf als bei Personen, die weniger Fleisch gegessen hatten. Da unsere Krankenkassen ein Solidarsystem sind, bezahlen alle Vegetarier und Veganer die erhöhten Behandlungskosten der Fleischkonsumenten mit. Klar sind die tolerant, sollten sie auch gefälligst sein, schließlich werden die gesundheitlichen Folgen ihre Fleischeslust durch andere gleich zweimal mitfinanziert, siehe das EuGH Urteil.

Fakt III – Gemeingüter sind kein privates Eigentum

Meine einfache Frage an alle Männer, die beim Tempolimit und der Einschränkung von Fleischkonsum Kastrationsängste bekommen: Wem genau gehört die Luft, die alle Autofahrer*innen mit ihren Abgasen verpesten? Ist die deren Eigentum? Blöde Frage, nächste bitte: Wem gehören all die anderen Ressourcen, die durch diese beiden Vorlieben geschädigt und verschwendet werden? Ja, das sind rein rhetorische Fragen. Wir reden hier über Gemeingüter. Die Luft gehört uns allen – und ich habe etwas dagegen, dass irgendwelche männlichen Artgenossen diese unsere Gemeingüter im Namen ihrer angeblichen Freiheit zerstören. Insbesondere, wenn ich an meine Kinder und die anderer Leute denke.

Offensichtlich ist eine Nachhilfestunde für alle Möchtegern Freiheitskämpfer vonnöten. Denn es hat nichts, aber auch rein gar nichts mit Freiheit zu tun, soviel Fleisch fressen zu dürfen wie Mann will und ohne Tempolimit über Autobahnen rasen zu können. Beginnen wir einfach mit dem traditionellsten aller Klassiker an Volksverblödung:

„Freie Fahrt für freie Bürger.“

Ja, diesen Spruch gibt es wirklich noch! Kein Gag. Und weil er so unfassbar bekloppt ist, hier der Beleg, nicht dass mir jemand unterstellt ich würde irgendwelche Schimären bekämpfen. Amüsanterweise passt dieser Tweet auch noch zu dem oben erwähnten Mumpitzargument deutscher Verkehrssicherheit und schräger Toleranzbehauptung:

Der Autor dieses wunderbaren Tweets ist Torben Braga, Beisitzer des Landesvorstands der AfD Thüringen und deren Pressesprecher. Schön dass Herr Bragas virtueller Bizeps schwillt, wenn er daran denkt, mit 250 unser aller Luft mit Abgasen zu verpesten (ich bin mir dabei ganz sicher, dass seine Adonis gleiche Gestalt nichts damit zu tun hat, dass sein Bizeps ausgerechnet beim Kickdown groß und hart wird). Aber das ist natürlich kein Problem, weil der Klimawandel ja eine gigantisch globale Medienente ist. Gut – gehen wir einfach mal davon aus, es gäbe tatsächlich keinen Klimawandel. Dann bleibt immer noch ein Faktum bestehen: Die automobilen Abgase sind giftig. Punkt. Sollte Herr Braga das bezweifeln, kann er ja mal ein paar tiefe Atemzüge an seinem Auspuff inhalieren. Und er erwartet wie so viele andere ernsthaft Toleranz, weil er andere toleriert, die weniger Gift in unsere Gemeingüter blasen und im Falle eines Unfalls ein wesentlich geringeres Risiko für andere sind.

Wieso hat sich eigentlich keiner der heroischen Verteidiger freier Fahrt genauso aufgeregt, als wir vor ein paar Jahren kollektiv gezwungen wurden, der normalen Glühbirne abzuschwören und fortan andere Technologien kaufen zu müssen? Ich und wir alle dürfen gesetzlich verordnet bestimmte Leuchtmittel nicht mehr kaufen, weil es der Umwelt schade – aber jeder Vollidiot darf weiter mit seinem großgewordenen Kleine-Jungen-Traum soviel Sprit verbrennen, wie er gerade Bock hat. In diesem Land läuft grade einiges schief. Allerspätestens dann, wenn unser Verkehrsminister ein Tempolimit zum „Angriff auf den gesunden Menschenverstand“ erklärt. Ach so! Es ist also vernünftig, wenn wir unser aller Ressourcen unabhängig von einem Klimawandel vergiften und unsere Gesundheit und Unversehrtheit wie die unserer Mitmenschen belasten. So geht Demokratie!

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Montage zweier Pixabay Fotos, lizenzfrei
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