The worst practice is to follow the best practice

„The worst practice is to follow the best practice“. Mit diesem zugegebenermaßen etwas provokanten Tweet stieß ich eine kleine aber feine Diskussion bei Twitter los, deren Ergebnisse ich hier teilen und weiter- bzw. zusammenführen möchte. Inhalt der Diskussion waren der Wunsch nach Best Practices und seine Gefahren – viel Spaß beim Lesen und Mitdenken!

Der Trigger

TIPP: Würden wir allerdings das Unternehmen von oben betrachten aus Metasicht, würden wir erkennen, dass wir innerhalb des Unternehmens Muster etabliert haben, die uns gefangen halten, völlig unsinnig und kontraproduktiv sind. Wir managen und führen meist reaktiv und ereignisgesteuert, suchen nach schnellen Lösungen und wollen am liebsten für jedes Problem auf eine bewährte Methode, best practice oder auf ein Rezept zurückgreifen.

(Quelle: „Gestaltung im Unternehmen heißt am Unternehmenssystem zu arbeiten“)

Als ich das las, dachte ich sofort an zahlreiche Beratungsgespräche und den aus meiner Sicht fatalen Wunsch nach Best Practices statt individuell angepasster Lösungen mit Augenmaß und Berücksichtigung der Mitarbeiter und des Unternehmenskontexts. Ich reagierte prompt:

Dankenswerterweise schaltete sich Achim Riehn am nächsten Morgen ein und wollte meine provokative Aussage so nicht stehen lassen:

Die Begriffsdefinition

In der weiteren Diskussion wies Mark Lambertz auf die Notwendigkeit einer Begriffsdefinition bzw. der bewussten Verwendung von Begriffen hin:

Schauen wir doch mal kurz in Wikipedia:

  • Best Practice

    Der Begriff best practice, auch Erfolgsmethode, Erfolgsmodell oder Erfolgsrezept genannt, stammt aus der angloamerikanischen Betriebswirtschaftslehre und bezeichnet bewährte, optimale bzw. vorbildliche Methoden, Praktiken oder Vorgehensweisen im Unternehmen. Der Begriff wird heute auch allgemeiner für die Erfolgsmethode bzw. bestmögliche Methode verwendet, etwa in politischen Zusammenhängen.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Echt-Komplexe Umgebung/System

    Komplexe Systeme sind Systeme, welche sich der Vereinfachung verwehren und vielschichtig bleiben. Insbesondere gehören hierzu die komplexen adaptiven Systeme, die imstande sind, sich an ihre Umgebung anzupassen.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Good Practice

    Praktisch erfolgreiche Lösungen oder Verfahrensweisen, auch auf längere Sicht und in einer Gesamtschau aller Belange (nachhaltig). Sie entsprechen vorhandenen Leitbildern, strategischen Zielen und anerkannten Werten und beachten anerkannte Standards.
    (Quelle: Online-Verwaltungslexikon)

  • Emergent Practice

    Die Emergenz (lateinisch emergere „Auftauchen“, „Herauskommen“, „Emporsteigen“) ist die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente. Dabei lassen sich die emergenten Eigenschaften des Systems nicht – oder jedenfalls nicht offensichtlich – auf Eigenschaften der Elemente zurückführen, die diese isoliert aufweisen.
    (Quelle: Wikipedia)

    [Komplexe Domäne], in der die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung nur im Nachhinein wahrgenommen werden kann, aber nicht im Voraus. Hier ist der Ansatz Probe – Sense – Respond, und wir können emergente Praktiken (emergent practice) feststellen.
    (Quelle: Wikipedia)

Wir sehen: der Begriff „Best Practice“ wird heute als Synonym für eine Erfolgsmethode genutzt – gerade in modernen Unternehmen (komplexen Systemen) sind diese „Erfolgsmethoden“ aber nicht ohne Weiteres übertragbar. Dieses Bewusstsein im Zusammenarbeits- und Gestaltungskontext zu schaffen ist wichtig und kann die Basis für relevante Veränderungen darstellen:

Die Gefahren des Wunschs nach Best Practices

Ich möchte nun noch etwas auf meine Beratungs-Praxiserfahrungen mit dem Begriff „Best Practice“ eingehen:

Der Wunsch nach der Best Practice als Synonym für eine Lösung, für die das Unternehmen bzw. seine Mitarbeiter nicht denken und sich nicht rechtfertigen müssen. Zugegebenermaßen ein schwerer Vorwurf – trotzdem erlebe ich in der Praxis, gerade wenn viele Mitarbeiter von den Beratungsergebnissen betroffen sind, aber nicht am Beratungsprozess beteiligt werden sollen, genau diesen Wunsch. „Gebt uns einfach etwas, das funktioniert. Das wir mit dem Argument ‚Das ist Best Practice. Das machen wir jetzt auch so!‘ ohne endlose Diskussionen implementieren können. Das auf Grund des Best Practice-Argument auch vom Management akzeptiert wird und bei dem wir uns nichts ausdenken müssen, das hinterher zerrissen oder schlichtweg boykottiert wird.“ übersetze ich dann in meinem Kopf. Klar könnte ich mir sagen „Der Tagessatz ist gut, der Kunde hat es so gewollt und ich bin der Experte“, eine Lösung skizzieren und mit dem Label „Best Practice“ versehen.

Allerdings kenne ich zu diesem Zeitpunkt häufig noch nicht mal das konkrete Problem des Kunden – eine weitere Gefahr des Wunsch nach Best Practices: zu einem Schlagwort wie „Zusammenarbeit im Unternehmen [in Branche XY]“ wird eine fertige, mit bekanntem Aufwand und Kosten umsetzbare Lösung erwartet. Von manchen Beratern und Unternehmen wird dieses Bedürnis sogar gerne erfüllt – bedeutet es doch, eine bereits implementierte (Software-) Lösung ggf. nochmal mit minimalen Anpassungen (Unternehmenslogo, Tool-Name etc.) zu einem stolzen Preis verkaufen zu können und dem Kunden nebenbei das tolle Gefühl geben zu können, etwas richtig gemacht zu haben („Das ist Best Practice. Das machen wir jetzt auch so!“).

Mit meinem Ideal von sinnvoller Zusammenarbeit, die den Mensch und den Unternehmenskontext berücksichtigt, versucht, pragmatische Lösungen zu finden und diese für alle Betroffenen sinnvoll zu gestalten, möchte ich bei diesem Spiel so nicht mitmachen. Um es mit Achims Worten zu sagen: „Man muss dem Kunden sagen, was Sache ist“:

Fazit

Was bedeutet das nun für meine Beratungspraxis? Ich werde weiterhin sehr hellhörig bei der Verwendung des Begriffs „Best Practice“ sein, diese hinterfragen und versuchen, die Beratung im Sinne meiner Ideale und Werte zu gestalten.

Ich würde mich freuen, wenn ihr auch den Begriff „Best Practice“ nicht mehr als Totschlag-Argument akzeptiert und euch für angepasste Lösungen mit Augenmaß und Sinn (am besten noch partizipativ gestaltet und implementiert) einsetzt. Denn die Haltung macht einen großen Unterschied:

In diesem Sinne danke ich Cosima, Maike, Achim und Mark für die vorausgegangene Twitter-Diskussion und freue ich mich auf Deine und eure Kommentare, Erlebnisse mit „Best Practices“, was ihr daraus gelernt habt und was ihr ggf. hinterfragen und bewegen konntet. Lasst uns unsere Welt gemeinsam gestalten und nicht blind „Erfolgsmethoden“ befolgen!

Herzliche Grüße

Christoph

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Screenshot Twitter, Christoph Thomas, CC-BY-SA-3.0
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Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Mit diesem Gedanken hatte Christoph eine Diskussion bei Twitter entfacht, die er in einem Blog-Artikel noch einmal zusammengefasst hat. Lesen Sie mehr darüber, warum es für ihn der falsche Weg ist, der besten Lösung zu folgen: „The worst practice is to follow the best practice“. […]

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