Unternehmensdemokratie. Versuch einer Definition.

Seit ich mein letztes Buch „Alle Macht für niemand“ über Unternehmensdemokratie veröffentlichte, war ich in zahlreichen Barcamps, Workshops, Konferenzen und dergleichen mehr. Naturgemäß kam dann früher oder später vielleicht nicht immer, aber doch meist die Frage auf: Was ist eigentlich Unternehmensdemokratie? Diese Frage stellt sich vollkommen zu Recht, denn der Begriff wird keineswegs einheitlich gebraucht. Mir persönlich ist auch keine offizielle Definition bekannt. Um diesem offensichtlichen Mangel beizukommen, schlage ich in diesem Post meine persönliche Definition vor und stelle sie natürlich gerne zur kritischen Diskussion.

In medias Res! Meine Definition lautet zur Zeit wie folgt:

Unternehmensdemokratie ist die Führung und Gestaltung von Organisationen durch alle interessierten Mitglieder, um den jeweiligen Organisationszweck zu verwirklichen. Sie ist verbindlich verfasste Selbstorganisation, die kein alleiniges Mittel zum Zweck der Gewinnmaximierung ist.

Deshalb achten demokratische Organisationen bei der Erzeugung und dem Vertrieb ihrer Produkte und Dienstleistungen auf das Gemeinwohl aller Stakeholder.

Soweit meine Sicht der Dinge. Das Ganze möchte ich nun noch ein wenig kommentieren

  1. „… durch alle interessierten Mitglieder“ Die Mitgestaltung in demokratischen Systemen basiert auf Freiwilligkeit. Sobald ein Zwang dazu entsteht, wird der demokratische Raum verlassen. Demokratie muss Mitglieder aushalten, die am Gestaltungsprozess nicht teilhaben wollen. Meiner Erfahrung nach wird dies immer der Fall sein, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Es kann ein allgemeines Desinteresse sein, öffentliche Belange mitzuentscheiden, es kann aber auch sein, dass mich just dieses Thema überhaupt nicht interessiert. Das Menschen kein Interesse an der Mitgestaltung haben, wird mir immer wieder erläutert – es ist aber nicht im Geringsten ein Argument gegen Unternehensdemokratie an sich. Wünschenswert wäre zweifelsfrei eine maximal hohe Teilhabe aller Akteure einer Organisation, aber demokratische Unternehmensführung ist auch mit einer Teilmenge möglich. Eine maximal hohe Zahl interessierter MitgestalterInnen erreichen wir aber nur durch Einladungen statt durch Zwang.
  2. „… den jeweiligen Organisationszweck zu verwirklichen.“ Hier wird es ein wenig trickreicher. Was ist der jeweilige Zweck? Wer hat ihn bestimmt? Wenn der Zweck durch den Gründer und Inhaber (juristisch legitim) definiert wird, und nur noch die Verwirklichung des Zwecks demokratisch erreicht wird, ist dies durchaus als eine Form von organisationaler Demokratie zu verstehen. Eine deutlich stärkere Variante wäre hingegen, auch den Zweck immer wieder dynamisch demokratisch zu bestimmen.
  3. …kein alleiniges Mittel zum Zweck der Gewinnmaximierung…“ Das spiegelt eine meiner 11 Thesen für Unternehmensdemokraten im Aufbruch wieder, die ich in meinem Buch dargestellt habe (S. 213): „Demokratie ist ein Wert an sich.“ Sprich: Wer von Euch möchte gerne in einer Diktatur, einem totalitären System leben, in dem Ihr überwacht, kontrolliert und bevormundet werdet? Vermutlich niemand. Deshalb ist demokratische Teilhabe ein Wert an sich. Jenseits von wirtschaftlichen Fragen und Belangen. Dazu gesellt sich die Tatsache, dass alle 12 Unternehmen, die ich in meinem Buch portraitiert habe, Demokratie niemals ausschließlich zum Zweck der Gewinnmaximierung angestrebt und realisiert haben. Und noch etwas kommt hinzu: Wäre Unternehmensdemokratie ein ausschließliches Mittel zum Zwecke der Gewinnmaximierung, würden Unternehmen sofort wieder umschwenken, wenn klar wäre, dass Sklavenarbeit gewinnträchtiger ist. Pointiert gesagt.
  4. Deshalb achten demokratische Organisationen…“ Eine demokratische Organisationsführung kann erstens potentiell in allen sozialen Systemen, sprich Organisationen umgesetzt werden. Zweitens ist es nur folgerichtig, dass die Herstellung und der Vertrieb von Produkten und Dienstleistungen nicht auf Kosten einiger Stakeholder vollzogen werden kann. Denn das würde der Grundidee der Demokratie, für alle Beteiligten ein faires, gesundes und förderliches Umfeld zu schaffen, widersprechen.

Soweit der aktuelle Stand meiner Definition von Unternehmensdemokratie und die dazugehörigen Kommentare. Nun bin ich gespannt, ob Ihr andere Ideen habt, etwas ergänzen wollt oder an der einen oder anderen Stelle widersprecht.

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • © Rama, CC BY-SA 2.0 fr
4 Kommentare
  1. Frank Widmayer
    Frank Widmayer sagte:

    Lieber Andreas,

    danke für die Klarstellungen – sehr hilfreich. Allerdings würde mich noch interessieren, was Du unter „Führung und Gestaltung“ verstehst. Bei Führung geht es ja wohl eher um die operative Umsetzung des Unternehmenszwecks, oder? Aber die „Gestaltung“ der Organisation würde nach meiner Lesart dann heißen, dass auch bei der Frage nach Art und Weise, wie die Organisation aufgebaut ist, alle interessierten Mitglieder beteiligt werden. Das finde ich sinnvoll, ist aber vielleicht eine etwas zu scharfe Forderung, oder? Und würde man dann nicht die Entscheidung, ob das demokratisch sein soll, auch wiederum demokratisch entscheiden. Kann sich dann die Demokratie auch demokratisch abschaffen?

    Auch wer die „Mitglieder“ sind, ist nicht ganz klar. Die Grenzen von Organisationen fransen ja immer mehr aus. Unter Mitglieder würde man im engeren Sinne ja wohl die „Mitarbeiter“ verstehen, aber welche genau? Auch die freien Mitarbeiter, auch Lieferanten? Und was ist mit Kunde? Bei Premium Cola wird das Demokratie-Verständnis ja z.B. auf praktisch alle Stakeholder ausgeweitet.

    Und noch eine kleine Anmerkung „Gemeinwohl aller Stakeholder“ ist eine Tautologie, denn Gemeinwohl umfasst ja schon alle Stakeholder, oder? Dann müsste es wohl besser „Wohl aller Stakeholder“ heißen oder einfach „Gemeinwohl“…

    Liebe Grüße
    Frank

    Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Lieber Frank,

      danke für die guten Anmerkungen. Ich warte jetzt noch ein bisschen ab und schaue, was noch so an Vorschlägen kommt. Dann kann ich auf Deine Fragen und Verbesserungsvorschläge eingehen:

      Führung & Gestaltung: Ja, so wie du das liest, war es gemeint. Ja, die Entscheidung was demokratisch ist und gemacht werden soll und was nicht, ist demokratisch zu fällen. Natürlich kann das am Anfang auch top-down entschieden werden: Ich, der GF, werde zukünftig nicht mehr alleine entscheiden, sondern alle von euch, die wollen einbinden. Und ja: Natürlich kann sich eine Demokratie selbst demokratisch abschaffen. Alle Deutschen sagen einstimmig: Wir wollen unter der Führung von xy in die Zukunft schreiten. Praktisch erfolgt das bereits im kleineren Rahmen, zB bei Haufe-umantis in Fragen der Gehaltspolitik. Denn die ist als solche eher undemokratisch (nicht transparent, keine Einheitsgehälter…) – was aber wiederum durch die Belegschaft entschieden wurde. Sagt jedenfalls der CEO und der Verwaltungsratsvorsitzende.

      Mitglieder: Belegschaft + X. Das kann jede Organisation eben selbst entscheiden, bzw. MUSS das.

      Gemeinwohl: Wohl wahr 🙂

      LG
      Andreas

      Antworten

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  1. […] Entität übertragen. Wow. Abgesehen davon, dass ich den Terminus Unternehmensdemokratie zwar definiert aber leider nicht erfunden habe, fällt es mir schwer, ernsthaft zu glauben, dass Wirtschaft nicht […]

  2. […] Wir müssen nicht jeden grundlegenden Begriff erst mal erklären (Was bitte ist das: New Work, Unternehmensdemokratie?) oder dessen Grundlagen diskutieren und verhandeln. Wir können fix auf einem höheren Niveau ins […]

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