Wirtschaftswachstum ade, Teil 1: Kinder verdienen weniger als ihre Eltern

Wirtschaftswachstum: Der zwanghafte, wahnhafte Glaube an ein unendliches Wirtschafts-Wachstum hat schon eine Weile Risse. Ihre Befürworter glauben zwar immer noch ungebrochen daran, wie jüngst der Dokumentarfilm „System Error“ teils eindrücklich zeigte (ich hatte das Vergnügen, bei der Premiere in Berlin dabei zu sein). Neben der grundsätzlichen Gretchenfrage, wie in einem begrenzten System unendliches Wachstum möglich sein soll, kam 2016 noch eine globale Studie hinzu, die den Mythos vom Wachstum massiv in Frage stellt. Dabei ist das durchführende Institut frei von jeglichem kapitalismuskritischen Verdacht: Das McKinsey Global Institute.

Wirtschaftswachstum: Das alte Lied

Tatsächlich, ich habe es noch selbst gehört. Nicht häufig, aber immer wieder mal: „Du sollst es mal besser haben als wir.“ Damals, als Kind, Jugendlicher und Heranwachsender hatte ich das nicht immer verstanden. Mir hat es subjektiv an nichts gefehlt, jedenfalls nicht wirklich. Ich hatte immer nur das Leben gesehen, das ich lebte in der Wohnung meiner Eltern. Mittlerweile verstehe ich sie viel besser. Denn was ich damals immer wieder vergaß: Meine Eltern, geboren 1926 und 28 hatten den zweiten Weltkrieg mitbekommen und gegen Ende dessen apokalyptischen Auswirkungen deutlich zu spüren bekommen. Ohne hier in die Tiefe zu gehen nur zwei kurze Geschichten: Meine Mutter musste mit ihrer Familie vor der russischen Armee fliehen und alles aufgeben. Mein Vater wurde 1944 an der Ostfront eingezogen, 1945 von Russen gefangen genommen und war bis 1950 in drei verschiedenen sibirischen Lagern. Wer vor diesem Hintergrund nicht will, dass es den Kindern mal besser geht, hätte psychopathische Züge.

Und danach kam der Wiederaufbau eines zerbombten Landes. Da hatten die meisten Menschen in Europa auch nicht gerade viel, was sie ihr eigen nennen konnten. Alle kurz nach 1945 geborenen Generationen wuchsen auch noch in einem ziemlichen Mangel auf. Vieles, worüber wir nicht mehr im Geringsten nachdenken, wäre damals Luxus gewesen – oder zumindest etwas, über das man und frau sich gefreut hätte. Somit ist es auch in dieser Generation nur zu verständlich, dass sie eben auch dafür schufteten, dass es ihre Kinder mal besser haben als sie. Auch das war noch in seiner Wachstumsdynamik gut nachvollziehbar.

Aber der Geist war aus der Flasche. Wachstum wurde zum Standardnarrativ kapitalistischer Wirtschaft. Wir mussten wachsen, um Fortschritt zu erzielen, wobei nicht immer ganz klar war, worin genau der Fortschritt bestand. Aus heutiger Sicht ist da einiges eher fragwürdig, aus der damaligen Perspektive noch verständlich. Nun streiten sich ja spätestens seit dem Welterfolg des Club of Rome mit seinem fundamental kritischen Werk „Die Grenzen des Wachstums“ verschiedene Akteure, ob wir Wachstum wirklich brauchen oder nicht und ob wir bis zum Sankt Nimmerleinstag wachsen können oder nicht. Dabei war es aber bisher so, dass wir gesamtgesellschaftlich an Wohlstand dazu gewonnen haben. Und lange konnte der Wunsch der Eltern tatsächlich realisiert werden: Uns Kindern ging es häufig (viel) besser, als unseren Eltern. Aber genau das wird zukünftig nicht mehr so weitergehen. Nicht weil es theoretisch herbei argumentiert wird, sondern weil es längst ein messbares Faktum ist.

Wirtschaftswachstum: Gestern, heute und morgen

Das McKinsey Global Institute untersuchte 25 Industrienationen in zwei verschiedenen Zeiträumen: 1993 – 2005 und 2005 – 2014:

  1. Cover der StudieAustralien
  2. Belgien
  3. Dänemark
  4. Deutschland
  5. England
  6. Finnland
  7. Frankreich
  8. Griechenland
  9. Irland
  10. Island
  11. Italien
  12. Kanada
  13. Luxemburg
  14. Neuseeland
  15. Niederlande
  16. Norwegen
  17. Österreich
  18. Portugal
  19. Schweden
  20. Schweiz
  21. Slowenien
  22. Spanien
  23. Tschechien
  24. Ungarn
  25. USA

Im ersten Zeitraum konnten satte 98% (sic!) aller untersuchten Nationen Einkommenszuwächse erzielen. In den zweiten zwölf Jahren stagnierten jedoch bei 66% die Einkommen oder waren sogar rückläufig. Selbst unter Berücksichtigung von Steuersystemen und Transferleistungen mussten 25% der Haushalte im Laufe der Zeit mit weniger auskommen als zuvor. Das spannende der Untersuchung: Diese Entwicklung ist ein transnationaler Megatrend der Industrienationen, es sind nicht einige wenige Länder, die aufgrund einer nationalen politischen Besonderheit eine auffällig schlechte Entwicklung zeigen.

Aus meiner Sicht ist diese Entwicklung im Grund absolut vorhersehbar. Natürlich gab es nach dem zweiten Weltkrieg enorme Wachstumsquoten, schließlich war halb Europa zerbombt und die Wirtschaft teils ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen. Darauf verwies schon vor geraumer Zeit Meinhard Miegel mit seinem Buch „Exit. Wohlstand ohne Wachstum“. Die Wachstumsquoten von Nachkriegszeiten mit darniederliegenden Gesellschaften lassen sich nicht ad infinitum in saturierte Zeiten fortsetzen. Das ist ausgesprochen trivial. Wenn viele Familien nicht mal mehr Wohnungen oder gar Häuser haben mit allem was zum Haushalt und -stand im Mittel dazugehört, dann gibt es einen enormen Mangel und damit Bedarf, der die Wirtschaft ankurbelt. Und damit die Einkommen.

Hinzu kommt der Trend, dass das Fußvolk der Arbeiter und Angestellten sowie der Mittelbau nicht im gleichen Maße Lohnerhöhungen erhielt wie das Topmanagement, was wir in den letzten Jahren immer wieder beobachten dürfen. Nochmal anders sieht es auf der Seite der Eigentümer aus, die ihr Vermögen mit etwas Verstand und Glück im Laufe der Zeit deutlich vervielfachen können. Bekanntermaßen scheißt der Teufel auf den größten Haufen. Mit viel Kapital ist es leichter, noch mehr Kapital zu generieren, als mit einem durchschnittlichen Einkommen und was davon an Spargroschen übrig bleibt. Auch das zeichnet sich global in der immer weiter auseinander klaffenden Einkommens- und Vermögensschere ab.

Top-Management-Gehälter steigen weiter

Diesen stagnierenden und teils sogar rückläufigen Entwicklung der Gehälter normaler Mitarbeiter*innen stehen die immer weiter steigenden Gehälter des Top-Managements gegenüber. Alleine im laufenden Jahr sind die Gehälter dieser Angestelltengruppe in Deutschland um 7% gestiegen (Neuscheler 2018). Das ist ein viel zu kleiner zeitlicher Ausschnitt und deshalb irrelevant? Dann werfen wir einen kurzen Blick auf die Zeit von 2006 – 2016: Da betrug das Wachstum alleine der DAX Top-Management-Gehälter 55% (Fockenbrock und Fröndhoff 2016). Wenn wir dann noch in Rechnung stellen, dass Deutschland seine Vorstandsvorsitzenden im internationalen Vergleich eher bescheiden entlohnt (welch Zynismus), dann haben wir mit dieser Wachstumsquote für Deutschland einen fast exakt passenden  Vergleichszeitraum (2005-2014 in der McKinsey Studie).

Bedenkt man die ohnehin vorhandene gewaltige Einkommensschere, dann wird die Unzufriedenheit so mancher Angestellten nur zu verständlich. Und im übrigen damit auch die weltweite Epidemie des Rechtspopulismus. Was soll man und frau davon halten, dass diejenigen, die sowie so schon teils das mehrhundertfache des eigenen Gehalts verdienen, von Jahr zu Jahr mehr Einkommen verbuchen, während man selbst im Laufe der Jahre ein stagnierendes oder sogar sinkendes Gehalt mit nach Hause bringt?

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Quellen

  • Fockenbrock, D., Fröndhoff, B. (2016): Vergütung der DAX Vorstände wächst ungebrochen. Handelsblatt
  • Neuscheler, T. (2018): Gehälter der DAX Chefs deutlich gestiegen. FAZ

 

Bildnachweis

  • Poorer than the parents: Screenshot des Studiencovers

 

1 Antwort
  1. xerox
    xerox sagte:

    Die zugrundeliegende Interpretation von Wachstum ist falsch.

    Entwicklungen von Real- zu Nominallohn werden nicht auseinandergehalten. (Steuern und Verschuldungsgrad nicht beachtet.) Was bekommt man eigentlich für sein Geld?

    Branchen, die nicht wuchsen oder gar schrumpften, haben natürlich auch nominelle Einkommensverluste erlitten.

    Top-Management in börsengeführten Unternehmen wird ergebnisbezogener bezahlt, der Vergleich aber nur in guten Jahren angestellt.

    Aus viel Kapital ist nur dann mehr Kapital zu erzielen, wenn das Kapital maßgeblich der eigene Kopf ist. Ansonsten klafft zwar eine Lücke (früher wesentlich stärker) zwischen Brutto(!)vermögenden und Brutto(!)schuldnern, verkannt wird aber, dass die oft als Reichsten geltenden meist Bruttoschuldner sind, während der „Kleinsparer“ bis zum Großsparer Vermögender ist. Aber ganz sicher nicht, außer er hat das „Glück“, was im Text angesprochen wurde, sein Vermögen erweitert. Passiv vermehrt sich nämlich kein Vermögen dieser Welt, sondern nur durch aktive Arbeit des Managers.

    Dass gerade in Deutschland viele Leute abgestiegen und andere aufgestiegen sind, wird durch ausbleibendes Wachstum eingefroren, statt sich dynamisch zu entwickeln.

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