WarWording

Angesichts des Wahlergebnisses in den USA gilt es etwas anzumerken: Es braucht nicht das aufmerksamkeitsheischende, volksverhetzende Geschrei von Rassisten, Sexisten, Mit-zweierlei-Maß-Messern, um Sprache zu einem Gewaltinstrument zu machen. Nein, wir machen das fast alle schon seit vielen Jahren mit. Nicht alle, aber viele; nicht immer mehr, aber immer noch zuviele. Dabei sollten wir statt dessen mit unserer Sprache achtsam umgehen, denn die Welt und wir selbst werden schnell zu dem, was wir uns gegenseitig erzählen. Es ist nicht beliebig, welche Geschichten wir bemühen, welche Metaphern wir wählen, welche Bilder wir zeichnen (wie eben kürzlich erlebt). In der Wirtschaft ist unsere Sprache ein ziemlich eindeutiges WarWording, und zwar so schon seit geraumer Zeit. Gerade so, als ob es eine objektive Realität wäre, dass unsere wirtschaftlichen Tätigkeiten tatsächliche Kriegsschauplätze sind. Es ist unsere Wahl. Wir können sozialdarwinistische Ammenmärchen vom Krieg aller gegen alle zur Legitimation unserer eigenen (para-)militärischen Faszination und Neigung heranziehen. Wir können aber genauso gut das Vokabular von Respekt, Vertrauen, Gemeinschaft, Freude und Sinn wählen. Wir sind die Schöpfer unserer Welt.

Nachtrag, 03. April 2017: Dohmen, F. und Hesse, M. (2017): „Bei der Allianz mussten Führungskräfte Krieg spielen„, Spiegel Online, 01.04.2014

Im Folgenden eine Liste aller mir bisher bekannten wirtschaftlichen Begriffe, die zumeist militärischen Ursprungs sind und sich weiterhin munterer Beliebtheit erfreuen, offensichtlich ohne dabei reflektiert zu werden:

A

Abwehrschlacht: Droht es zu einer →feindlichen Übernahme eines Unternehmens zu kommen, so findet nicht selten eine Abwehrschlacht statt, um dies zu verhindern. Beliebte →taktische Mittel sind dabei die →Giftpille oder die Suche nach einem →Weißen Ritter.

C

ist das Sammelbecken für alle Chef-Offiziere. Mit der Formel CxO wird eindeutig die Logik der Befehlskette in das Unternehmen geholt. Es gilt Befehle auszusprechen und sie gehorsam auszuführen. Die militärische Hierarchie ist neben Krankenhäusern die strikteste, die wir bisher geschaffen haben.

  • CEO: Chef Ausführungs-Offizier
  • CFO: Chef Finanz-Offizier
  • CIO: Chef Informations-Offizier
  • CIE: Chief Innovation Evangelist (kein Witz, jetzt halten sogar die Evangelisten Einzug und erweitern das Kürzel um CxE!)
  • CMO: Chef Marketing-Offizier
  • CVO: Chef Visions-Offizier (tolle Idee eines Absolventen der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforzheim. Der junggewiefte Dynamiker will sich nicht nur seine eigene Stelle schaffen, sondern gleich ein ganzes Berufsbild prägen, das natürlich gleich im Vorstand angesiedelt ist. Kein Witz. Der Beweis: Hier klicken[5])

F

Feindliche Übernahme: Wenn eine Übernahme gegen den Willen des Managements laufen soll, gilt sie als feindlich und führt häufig zu →Übernahme– und →Abwehrschlachten, die noch wesentlich eindeutiger Kriegsmetaphern darstellen.

Filetieren: Zugegeben, der Begriff kommt nicht aus dem Militärhandwerk, sondern eher aus der Metzgerwelt. Es erscheint mir trotzdem einigermaßen martialisch, diese Metapher zu verwenden.

G

Giftpille: Das klingt nicht zwingend nach Krieg und Militär, hat aber zumindest den Tod in suizidaler oder mörderischer Absicht eingeschrieben. Will das Management eine feindliche Übernahme vermeiden oder zumindest deutlich erschweren, setzt es die →Taktik der →Giftpille ein. Dazu können derart perverse Dinge wie verschärfte, über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgehende Umweltschutzauflagen oder Mitbestimmungsrechte verabschiedet werden, die das Unternehmen für den potentiellen Käufer (oder besser: →schwarzen Ritter) unattraktiv machen. Das hat eine besondere ironische Note: Alles was in Richtung sinnvollen Wirtschaftens geht, wird diesem Zusammenhang “Giftpille”genannt!

H

Headhunter, Headhunting: Wenn ich an die ursprüngliche Bedeutung des Kopfjägers denke, kapier ich wirklich nicht mehr, wieso dieser Begriff Einzug ins Wirtschaftsvokabular gefunden hat. Oder hab ich nicht mitbekommen, dass die gesuchten und gefundenen Personen enthauptet und als Schrumpfkopf-Trophäen in den suchenden Firmen ausgestellt werden?

Headquarter/Hauptquartier: Die Chef-Offiziere sitzen natürlich, wie könnte es anders sein, im Headquarter. Sie sind dann sprachlich logischerweise auch die Befehlshaber mit ihrem Stab. Das Hauptquartier ist das “Planungs-, Befehls- und Koordinationszentrum” (Wiki-Artikel), was natürlich perfekt in die Sprachwelt des WarWording hineinpasst. Dort wird eben alles geplant, befohlen (ausgerollt, nach unten durchkaskadiert etc.) und koordiniert. Besonders witzig finde ich die im Begriff implizite Aussage, dass das HQ “meist in sicherer Entfernung zum aktuellen Kampfgeschehen” (a.a.O.) angesiedelt ist. Mit anderen Worten: Das HQ ist weit weg vom Markt – und das trifft traurigerweise auf viele, wenn nicht die meisten Konzernzentralen zu. Die Chef-Offiziere bekommen nicht mehr mit, was die Kunden wirklich wollen und wie die eigenen Produkte und Dienstleistungen tatsächlich ankommen, was alles schief läuft (herrlich bitter: Wie die Telekom einer Verstorbenen weiter Rechnungen schreibt und mahnt) und was in Zukunft erfolgreich sein könnte.

O

Organisationsrebell: Mittlerweile wurde dieser Begriff ein kleiner Hype – inklusive Blogparade (Dazu auch mein Blogbeitrag über Organisationsrebellen). Die Befürworter des Begriffs sind Freiberufler oder fest angestellte (Führungskräfte), die entweder fordern, wir bräuchten mehr Organisationsrebellen oder aber – viel effizienter – sich selbst schnell zum Organisationsrebellen befördern. Der Beleg für ihr Rebellentum: Sie führen nicht alle Konzernregeln kommentarlos aus, kritisieren mehr oder minder regelmäßig einiges beim Arbeitgeber und treiben einen irgendwie gearteten Wandel voran (bei dem zumeist das Top-Management nicht durch die selbsternannten Organisationsrebellen vom Thron gefegt wird). Dabei pfeifen sie munter auf die Wortherkunft: rebellis – zurück zum Krieg, Aufständischer, der eine Rebellion/Revolution in Gang setzt. Ich persönlich fände etwas bescheidenere Selbstinszenierungen angebracht, wenn man oder frau einfach nur nicht angepasster Erfüllungsgehilfe mit Festanstellung und monatlichem Gehaltsscheck ist. Zugegeben: Rebell klingt cooler als Querdenker.

P

Patentkrieg: Der Begriff ist unzweifelhaft eindeutiges WarWording. Und beschreibt ein aktuelles Phänomen in stark wettbewerbsorientierten Branchen, in denen der Geschäftserfolg vor allem von zumeist technischen Innovationen abhängt. Spannende dabei: Das Innovationsverständnis ist ausgesprochen altbacken und un-innovativ. Viel innovativer wäre es, Geschäftsmodelle zu entwickeln, mit denen aufwändige Patentkriege und -schlachten gar nicht mehr nötig wären. Es braucht an dieser Stelle eine Innovation des Innovationsbegriffs. Dazu später mehr in einem neuen Blogartikel.

R

Rekrutierung: Neue Mitarbeiter werden wie Soldaten als nachwachsender Rohstoff (Humankapital!) in die Firma rekrutiert. Der Begriff kommt aus dem lateinischen recrescere und meint eben wieder nachwachsen. Wie wahr, wie praktisch. Jedoch: Was tun wenn der demografische Wandel voll zuschlägt und Deutschland wie auch einige andere Länder langsam aussterben?

Ritter, schwarzer / weißer: Der historische, schwer gerüstete (und irgendwie meist ziemlich steife) Ritter seit geraumer Zeit auch endlich im Wirtschaftsvokabular, Abteilung Mergers & Acquisitions. Manchmal dürfte dabei der schwarze Ritter, sprich der Käufer, ähnlich größenwahnsinnig sein wie der schwarze Ritter im großartigen Monty-Pyhton Film “Der Ritter der Kokosnuss”:

sun-tzu-paris

Sun Tzu hat’s geschafft: Sogar Paris liest ihn (oder tut so)

S

Strategie: Stammt von dem griechischen “strategos”, dem Feldherrn. Deshalb wird “Strategie” natürlich meist in Zusammenhang mit den großen Kriegsstrategen wie Sun Tzu, Musashi, Clausewitz und Napoleon benutzt. Die Strategie ist im allgemeinen langfristig ausgerichtet. Im Gegensatz dazu steht die →Taktik, die einen kurzfristigeren Zeithorizont abdeckt.

T

Taktik: meist im Zweiklang mit →Strategie benutzt. Der Begriff entstammt dem griechischen “taktika”, “der Kunst, ein Heer in Schlachtordnung zu stellen” (Wikipedia-Artikel), hat aber längst nicht soviel Gewicht wie der Schwesterbegriff der →Strategie. Die wird ja auch gerne als “Königsdisziplin des Managements” gesehen.

Task-Force: Verschiedene Einheiten werden zusammengestellt, um ein – meist besonders wichtiges und dringliches – Problem zu lösen. Da hilft natürlich das Bild top-trainierter Soldaten, die mit futuristischer Hightech ausgestattet sind und den Gegner mit einem ebenso minutiös geplanten wie perfekt koordinierten Überraschungsangriff überwältigen.

U

Übernahmeschlacht: Analog zur →Abwehrschlacht gibt es natürlich auch die Schlacht um die Übernahme eines Unternehmens. Derselbe Kriegsschauplatz, nur aus jeweils anderer Perspektive. So oder so, Hauptsache es wird geschlachtet.

W

War for Talents: Der Krieg um die Talente, ein tolles Bild: →Rekrutierungseinheiten ziehen raus ins Feindesland, in verminte Gebiete, wagen sich ins Sperrfeuer feindlicher Rekrutierungstrupps. Das alles, um eben die besten, die toughesten, die schlauesten der High-Potentials ins eigene Unternehmen zu locken. Am besten gleich mit der Aussicht auf einen der →CxO Posten. Damit man ohne Umweg in der Kriegs- und Militärmetaphorik bleibt. Auf diese Weise kommen die Frischlinge nicht auf die völlig abwegige, subversive Idee, Wirtschaft hätte etwas mit Kooperation, Respekt, Kreativität sowie eigenständigem Denken und Handeln zu tun.

War Room: Eine Kommandozentrale mit vielen blinkenden und leuchtenden Monitoren, Telefonen, Faxgeräten und dergleichen mehr – das ist schon beeindruckend, vor allem wenn man daran glaubt, dass zentrale Steuerung das beste Vorgehen darstellt. Dann laufen im war room die Informationen und Fäden zusammen. Immerhin hatte es der “war room” bis in die heilige Schrift des Projektmanagements geschafft: Dem Project Management Body of Knowledge(PMBOK).

Z

Zielgruppe: Ein herzerweckender Begriff aus dem Marketing. Unternehmen zielen auf jeweils spezifische Kategorien von Menschen (B2C) oder andere Unternehmen oder Organisationen (B2B). Es stellt sich die Frage mit was und mit welchem Ziel? Der totalen Marktdurchdringung?=

 

Sollte ich wichtige Begriffe übersehen oder fahrlässig falsch dargestellt haben, freue ich mich über Korrekturen und Ergänzungen in den Kommentaren.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: US Federal Government, under Public Domain
  • Sun Tzu: Sun Tzu, gemeinfrei. Hilton, © Miss Fipi Lele, Montage: © Andreas Zeuch

 

5 Kommentare
  1. Daniel Goetz
    Daniel Goetz sagte:

    Andreas – ein sehr wichtiges Thema! Unsere Sprache – und hier v.a. die gewählte Metapher, in der wir sprechen – beeinflusst unseren gedanklichen Rahmen. Kennst Du das Buch „Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“? Sehr zu empfehlen! Viele Grüße, Daniel

    Antworten
  2. Eberhard
    Eberhard sagte:

    Hallo Andreas,

    volle Zustimmung und eine zähneknirschende Ergänzung.

    Das Beipiel „filetieren“ hast Du ja schon genannt. Das ist eines der Worte aus der Sprache des Handwerks mit denen versucht wird die Unmenschlichkeit beim Umgang mit den Mitarbeiter*innen zu kaschieren.

    einphasen und ausphasen
    einfasen und ausfasen

    Je nach Schreibweise aus dem elektrischen oder dem holzbearbeitenden Gewerbe beschreiben sie die Einstellung oder Entlassung. „Einpassen“ ist mir in dem Zusammenhang auch schon begegnet. Abbauen wäre da auch zu nennen und am Ende steht die Anschlussverwertung.

    LG Eberhard

    Antworten
  3. Andreas Zeuch
    Andreas Zeuch sagte:

    Hi Eberhard!

    Danke für diese Ergänzungen, die hatte ich nicht im Kopf. Ist nicht ganz so martialisch, aber sehr linear kausal und mechanistisch gedacht, also auch recht bedenklich.

    LG
    Andreas

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  1. […] lernt und sich eines entsprechend martialischen Vokabulars bedient. Es ist ein regelrechtes Warwording: Abwehrschlacht, Chief X Officer, Headhunter, Hauptquartier, Patentkrieg und so weiter und so fort. […]

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