World Values Survey – ändert sich die Welt zum Besseren?

Eigentlich wird es überzeugten Demokraten heutzutage schnell speiübel: Allen voran #kingdonald Trump, der egomanische Lügenbold, der täglich auf die Errungenschaften der Demokratie spuckt, dann Erdogan, Farage, Gauweiler & Co., Le Pen, Orban, Salvini, Wilders; seit Monaten das irrsinnige Brexitspektakel. Der nationalistische Backlash ist längst eine internationale Bewegung. Aber was, wenn wir wüssten, dass sich trotz alledem die Welt zum Besseren ändert? Und tatsächlich: Genau das impliziert der World Values Survey. Ein Grund zur Hoffnung.

Wie bitte? Was? Keine Ahnung wie es Dir geht und wie Du die ethisch-moralische und politische Entwicklung global einschätzt. Ich jedenfalls bin nicht davon ausgegangen, dass demokratische Anschauungen und Werte zunehmen. Könnte aber der Fall sein. Zumindest gibt es einen möglicherweise ernst zu nehmenden Hinweis: Den World Values Survey. Mir lief er jüngst, Ende Dezember 2018 über einen Artikel im Spiegel über den Weg: „Wie die Welt moralisch tickt.“ Der einleitende Absatz dieses Beitrags bringt den WVS und die Idee dahinter gut auf den Punkt:

Prof. Dr. Christian Welzel

Prof. Dr. Christian Welzel

„Was für ein grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Ver­such! Die­ser Mann glaubt, er kön­ne die Wert­hal­tun­gen der gan­zen Mensch­heit er­fas­sen und in ein ein­zi­ges Ko­or­di­na­ten­sys­tem pa­cken. Er, Chris­ti­an Wel­zel, Po­li­to­lo­ge an der Uni­ver­si­tät Lü­ne­burg, kön­ne be­zif­fern, wie die Welt mo­ra­lisch tickt, wel­che Na­tio­nen wor­an glau­ben, wel­che Kul­tu­ren wie pro­gres­siv sind, wel­che wie kon­ser­va­tiv, auf ei­ner gro­ßen, in­de­xier­ten Ska­la. Das heißt dann »World Va­lues Sur­vey«, etwa: Welt-Wer­te-Er­he­bung. Es ist nicht we­ni­ger als die mo­ra­li­sche Ver­mes­sung der Welt.“ (Mingels, G. (2018): Wie die Welt moralisch tickt. Spiegel, 28.12.2018).

Na das klingt doch mal nach einem Vorhaben! Anstatt den Mars besiedeln zu wollen, könnten wir uns vielleicht erst mal darum kümmern, herauszufinden, wie wir uns als Menschheit hinsichtlich unserer Werte entwickeln. Professor Dr. Christian Welzel, der mittlerweile zum Hauptsprachrohr dieses Umfrageprojekts geworden ist, arbeitet im Institut für Politikwissenschaft und Zentrum für Demokratieforschung der Leuphana Universität. Gemeinsam mit Ro­nald Ing­le­hart, der einer der Protagonisten dieses „Mammutprojekts“ (Spiegel) ist, hat Welzel eines der zentralen Visualisierungsinstrumente geschaffen: Die Ing­le­hart-Wel­zel-Kul­tur­welt­kar­te. Aber dazu später mehr. Kommen wir erst mal zu den Eckdaten der in wiederkehrenden Wellen fortlaufenden Studie.

World Values Survey – Studiendesign

Das Projekt basiert auf dem 1981 gestarteten European Values Survey. Die Motivation wird dabei folgendermaßen formuliert: „The World Values Surveys were designed to test the hypothesis that economic and technological changes are transforming the basic values and motivations of the publics of industrialized societies.“ (WVS Website) Seit dem werden in über 100 Ländern und Regionen, die 90 Prozent der gesamten Menschheit abbilden, jeweils mindestens 1000 Menschen in persönlichen Gesprächen interviewt. Konkret werden dabei 250 Fragen abgearbeitet, um verschiedenste Themen zu untersuchen:

  • Warum sind manche Länder anfälliger für populistische Verführungen als andere?
  • Wie wirkt sich Ih­rer Mei­nung nach die Zu­wan­de­rung auf die wei­te­re Ent­wick­lung Ih­res Lan­des aus?
  • Wie wich­tig ist es für Sie, in ei­nem Land zu le­ben, das de­mo­kra­tisch re­giert wird?
  • Wie wich­tig ist Gott in Ih­rem Le­ben?
  • Gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re sind ge­nau­so gute El­tern wie an­de­re Paa­re: stim­me voll und ganz zu, stim­me zu, stim­me nicht zu, stim­me über­haupt nicht zu.
  • Auf ei­ner Ska­la von eins bis zehn, sind fol­gen­de Punk­te in je­dem Fall in Ord­nung oder un­ter kei­nen Um­stän­den in Ord­nung? Ho­mo­se­xua­li­tät. Pro­sti­tu­ti­on. Ab­trei­bung. Sex vor der Ehe. Selbst­mord. Wenn ein Mann sei­ne Frau schlägt. Wenn El­tern ihre Kin­der schla­gen. To­des­stra­fe.

Etwas abstrakter erkunden die jeweiligen Frage-Items diese Bereiche:

  • Inglehart-Welzel Kulturlandkarte, Welle 6 2010-2014, ©WVS

    social values, attitudes & stereotypes (45 items);

  • societal well-being (11 items);
  • social capital, trust and organizational membership (49 items);
  • economic values (6 items);
  • corruption (9 items);
  • migration (10 items);
  • post-materialist index (6 items);
  • science & technology (6 items);
  • religious values (12 items);
  • security (21 items);
  • ethical values & norms (23 items);
  • political interest and political participation (36 items);
  • political culture and political regimes (25 items);
  • demography (31 items).

Mittlerweile läuft die siebte Befragungswelle von 2017 – 2019. Auf der Website des WVS werden als strategische Ziele für diese aktuelle Befragungswelle folgende Aspekte angegeben:

  • Expansion of territorial coverage from 60 countries in WVS 6 to 80 in WVS 7;
  • Deepening collaboration within the international development community;
  • Deepening collaboration within NGOs, academic institutions & research foundations;
  • Updating the WVS-7 questionnaire with new topics & items covering new social phenomena and emerging processes of value change;
  • Expanding the 7th wave WVS with data useful for monitoring the SDGs;
  • Expanding capacity and resources for survey fieldwork in developing countries.

World Values Survey – Ergebnisse

Allgemein

Auf diese Weise entsteht ein enormer Datensatz pro Untersuchungswelle und vor allem über die Jahrzehnte hinweg. Daraus wird mittlerweile die oben erwähnte Ing­le­hart-Wel­zel-Kul­tur­welt­kar­te als äußerst verdichtete Darstellung präsentiert. Die vertikale Achse verortet die jeweiligen Länder und Regionen hinsichtlich traditioneller versus säkular-rationaler Werte und die horizontale Achse bildet den Stand bezüglich Überlebens- und Selbstausdruckswerte ab:

Traditonelle Werte betonen die Wichtigkeit von Religion, Eltern-Kind-Beziehung, Ehrerbietung gegenüber Autoritäten und traditionellen Familienwerten. Menschen, die diese Werte hochhalten, lehnen Scheidung, Abtreibung, Sterbehilfe und Suizid ab. Hier verortete Gesellschaften neigen zu einem hohen Niveau von Nationstolz und nationalistischen Auffasungen.

Säkular rationale Werte sind gegenteiligen Präferenzen. Diese Gesellschaften messen Religion, traditionellen Familienwerten und Autoritäten weniger Bedeutung bei, dafür werden Scheidung, Abtreibung, Sterbehilfe und Suizid relativ gut akzeptiert.

Überlebenswertebedeuten eine hohe Bewertung von ökonomischer und leiblicher Sicherheit. Sie sind mit einer relativ ethnozentrischen Auffassung verbunden und einem geringen Niveau an Vertrauen und Toleranz.

Selbstverwirklichungswerte hingegen fokussieren stark auf Umweltschutz, wachsender Toleranz gegenüber Fremden, Schwulen und Lesben und Geschlechtergleichheit sowie einem steigenden Interesse an Partizipation sowohl im politischen wie ökonomischen Leben (sic – deshalb schreibe ich hier darüber!).

So entstand der Überblick im Zeitraffer von 1981 – 2015. Im Sinne einer demokratisch-liberalen Wertewelt ist es wünschenswert, dass sich die Länder und Regionen von unten links noch oben rechts bewegen. Und siehe da: Genau das passiert in der Tendenz!

Die Entwicklung Deutschlands ist dabei laut Welzel der Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg geschuldet, die er die „historisch-moralische Verspätung“ nennt. Bei uns fand eine „Entwicklung im Zeitraffer (statt), von ei­ner kon­ser­va­tiv-au­to­ri­tär ge­präg­ten zu ei­ner ent­schlos­sen li­be­ral-de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft.“ Gemeinsam mit der Türkei uns Spanien gehören wir zu den Ländern mit den größten „moralischen Spreizungen“ zwischen den Generationen, will heißen: den erheblichsten Differenzen hinsichtlich der Wertvorstellungen zwischen Alt und Jung.

Rechtspopulismus

Und wieso erleben wir dann diesen internationalen Rechtsruck? Genau das untersucht Inglehart höchstselbst gemeinsam mit der angloamerikanischen Politikwissenschaftlerin Pippa Norris in ihrem Buch „Cultural Backlash“. Und Welzel ist das Phänomen natürlich auch nicht entgangen. Aufgrund der Daten kommt er zu dem Ergebnis, dass es in westlichen Ländern gewissermaßen zwei „moralische Stämme“ gäbe. Die älteren Generationen sind zwar von der Demokratie an sich überzeugt, aber nicht von den zunehmend emanzipierten Werten, zB die Toleranz gegenüber Fremden, Akzeptanz Andersgläubiger, von Abtreibung, Homosexualität etc. Und so lehnt dieser ältere Stamm genau das ab, was für die jüngeren, folgenden Generationen tendenziell zu einem gelungenen guten Leben dazu gehört.

Und nun führt laut Welzel die Abnahme der wertekonservativen „illiberalen Demokraten“ (Welzel) – typischerweise ältere, weiße, bildungsfernere Männer – zu einer Verschärfung ihres sozialen Profils. Sie fühlen sich als Verlierer in einer zunehmend liberaleren Demokratie und werden damit immer leichter adressierbar für rechtspopulistisches Gedankengut. Allerdings ist natürlich noch längst nicht klar, wie es weitergeht, wie die Sache ausgeht. Handelt es sich bloß um ein „Rückzugsgefecht“, wie Guido Mingels in seinem ausführlichen Artikel über den WVS schrieb? Oder ist es am Ende doch eine deutliche Niederlage der liberalen Demokratie? Die Antwort liegt in der Zukunft. Aber die Ergebnisse des WVS auf dem Weg dorthin machen mehr Mut als Sorge.

Zukunft der Arbeit

Letztlich würden die Ergebnisse für die Zukunft der Arbeit darauf verweisen, dass langfristig eben doch Selbstbestimmung als zentrales Merkmal Neuer Arbeit wichtiger wird. Auch wenn es in dieser gesellschaftlichen Sphäre ebenfalls einen Rückfall zu geben scheint, wie der aktuelle Run auf Stellen im öffentlichen Dienst nahelegt. Da geht es um Sicherheit, eine klare Trennung von Arbeit und Freizeit, und natürlich auch formal klare Hierarchien (Vergleiche den Beitrag „Generation (A)ngst“ von Julia Culen). Und auch das ist durchaus verständlich, denn wer hat den heute in die Arbeit strebenden Menschen eigentlich beigebracht, eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu handeln? Unser Bildungssystem wohl kaum. Und die heutigen Helikopter-Eltern tragen auch nicht gerade ihren Teil dazu bei.

Wir sollten also nicht nur trotz, sondern gerade wegen der Entwicklung, die der WVS andeutet, im Rahmen unseres Bildungssystems entlang des jeweils individuellen Bildungswegs besonderen Wert darauf legen, den folgenden Generationen Eigenverantwortung und Selbstbestimmung nahezubringen – nicht nur als bedeutsame Werte, sondern vor allem auch die dazu gehörigen Fähigkeiten. Keine leichte Aufgabe, aber mit Sicherheit nicht unmöglich.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

 

Literatur

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Pixabay, freie Nutzung
  • Christian Welzel: Daniela Moellenhoff / Christian Welzel, CC BY-SA 3.0 de
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